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Glosse: Darf ich aufrunden, Teil 2

März 21, 2012

Glosse: Darf ich aufrunden, Teil 2

von Hartmut Amann

Vorgestellt und Präsentiert in der Blauen Lounge mit dem Roten Sofa im Walhalla-Studio von Wunsiedel. Von R.W. v.Neutitschein („RWvT“)

Über rettende Engel und den heiligen Martin

Bundesarchiv B 145 Bild-F080861-0031, Bonn, Ak...

Bundesarchiv B 145 Bild-F080861-0031, Bonn, Aktion "So soll die Welt nicht werden" (Photo credit: Wikipedia)

Und es gibt sie doch: rettende Engel! Will sagen, gute Freunde, die da sind, wenn man sie raucht. Ungerufen, aus heiterem Himmel, dem Internet und dem ef-magazin sei Dank.

Was war geschehen? Ich hatte meinen Hilferuf „Darf ich aufrunden?“ bereits längst vergessen, nicht weil ich extrem vergesslich bin, sondern weil mein Glaube, dass der alltägliche Wahnsinn heilbar ist, im großen Wald der Gleichgültigkeit und Gewissenlosigkeit sich verlaufen hat. Da geschah das Wunder: Am Waldesrand erschien ein strahlender, junger Mann, ich erkannte ihn sofort, es war mein guter Freund Martin.

Christian Vater, Initiator der Aktion „Deutschland rundet auf“

Christian Vater, Initiator der Aktion „Deutschland rundet auf“

Es ist nicht das erste mal, dass er, wenn ich mich (beziehungsweise mein Glaube) heillos verirrt und verlaufen habe, plötzlich vor mir steht, mich anlächelt und sagt: Hallo Antonio! (Antonio B. lebt in konstruktiver Personal-Union mit Hartmut Amann.)

Christian Vater, Initiator der Aktion „Deutschland rundet auf“

Christian Vater, Initiator der Aktion „Deutschland rundet auf“.Einen Monat lang arbeitete Christian Vater in einer Berliner Filiale des Supermarktes Kaiser’s an der Kasse. Testweise. Danach war der 37-Jährige sicher, dass seine Idee funktionieren könnte. Wenn die Kunden die Hand für das Wechselgeld aufhielten, fragte er: „Was machen Sie mit Ihren Cents?“ Meistens war die Antwort: „Die brauche ich nicht.“ Vater will diese Cents. Nicht für sich, sondern für Projekte, die sich um bedürftige Kinder in Deutschland kümmern. Und seit Donnerstag vergangener Woche bekommt er viele der kupferroten Münzen.

„Man muss nicht immer gleich die Welt retten“, sagt Vater, der dem Sänger von Coldplay ähnelt. Bei Kaiser’s wird man sich über den Lebenslauf der Aushilfskraft gewundert haben: Banklehre, Praktikant bei BMG Music, dann Wirtschaftsstudium in London, Assistent des Vorstandes von EMI Music und schließlich Management von Robbie Williams. Als Vater an der Kasse saß, hatte er bei der Deutschen Entertainment AG Erziehungsurlaub für sein erstes Kind genommen.

So gründete Vater zunächst 2008 eine Stiftung für HIV-infizierte Kinder in Afrika. Bis er in der Zeitung las, wie viele Kinder in Deutschland in Armut leben. „Du musst zu Hause etwas tun“, sagte er sich. „Deutschland rundet auf“, wie die Aktion heißt, besteht aus zwei Zweigen: Eine GmbH trägt die laufenden Kosten und wird durch eine Gebühr der teilnehmenden Unternehmen finanziert. Die Cents wiederum gehen an eine eigens gegründete Stiftung und so zu hundert Prozent an soziale Projekte.

Er bat mich, Platz zu nehmen. Dann teilte er, wie einst sein Namensvetter, sein großes, weites Gewand und legte es mir schützend und wärmend um die Schultern. Und als ich mich wohlig seufzend entspannt hatte, öffnete sich sein Mund und heraus strömten Worte, die mir gefehlt hatten, den Wahnsinn zu verstehen.

2009-07-18 "Was soll Politik"-Aktion...

2009-07-18 "Was soll Politik"-Aktion in Bad Kreuznach (Photo credit: chrisb86)

Er sagte: „Lieber Antonio! Bei mir sind auch alle Alarmglocken hochgeschnellt, als ich zum ersten Mal von dieser durchtriebenen Gutmenschen-Aktion Wind bekommen habe. Stimme Dir zu hundert Prozent zu. Ich würde diese Aktion im Bereich der großflächig organisierten Kriminalität und Nötigung ansiedeln. Der finanzielle Aspekt dieser Aktion (Steuern, Armut, etc, du hast das schön durchleuchtet) ist das eine, das andere ist die öffentliche Vergewaltigung, sich bekennen zu müssen. Hier wird nicht nur mit der Gutmenschenidiotie, sondern zudem mit dem Schamgefühl des Bürgers Geld gescheffelt. Und der Kunde wird genötigt, sich zu bekennen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich das verabscheue. Aber die Masse findet es natürlich wieder toll. Man kann sich in der Öffentlichkeit als Gutmensch darstellen, kann sein Gewissen erleichtern, sein Ego aufbauen, sich einbilden, man wäre Teil einer Bewegung – und das alles für ein paar schlappe Cents. Da kosten ja selbst diese schwer aufreißbaren Ketchup-Plastiktütchen zur Stadionwurst mit Pommes Frites mehr.

"Vater Staat"

"Vater Staat" (Photo credit: Lori L. Stalteri)

Das ist dann mal wieder dieselbe Masse, die auch nichts Schlimmes daran findet, wenn die Regierung (vielleicht noch von einer entsprechenden Consulting- und Marketing-Agentur beraten) mal eben die Computer der Bundesbürger durchforstet. Man hat ja schließlich nichts zu verbergen und nebenbei kann man so ja auch den internationalen Terrorismus bekämpfen, gute Sache also. Zunächst wurde die Nötigungsstufe eins an der Kasse erfunden. Die Haben-Sie-eine-Payback-Karte-Frage. Der Kunde wurde dafür mit Punkten belohnt, dass er seine Konsumgewohnheiten preisgab. Nun darf der Kunde schon selbst drauflegen. Grundsätzlich würde ich ja mal wieder sagen, sollen se doch machen, die Deppen. Die Sache ist aber die, dass ich genötigt werde, mich zu bekennen. Meine Integrität und Menschenwürde werden hier angegriffen.

Aufrunden für arme Kinder

Wer beschützt mich davor? Wie reagiere ich auf diese ganzen Anfragen? Was passiert, wenn ich nicht antworte? Bekomme ich dann meinen Einkauf nicht ausgehändigt?

Deutsch: Robbie Williams in Hamburg

Deutsch: Robbie Williams in Hamburg (Photo credit: Wikipedia)

Warum darf der Kunde nicht selbst entscheiden, ob er sich zu der Aufrundungs-Frage äußern möchte. Und die Macher und kriminellen Drahtzieher dieser Werbeaktionen sind schön außen vor. Sie müssen den Kunden nicht persönlich belästigen. Das überlassen sie den Kassiererinnen. So dass der abgeneigte Kunde gleich ins nächste Dilemma geführt wird: Es wäre ja gemein, seinen Frust an der Kassiererin auszulassen.“

The Best So Far (Robbie Williams album)

The Best So Far (Robbie Williams album) (Photo credit: Wikipedia)

Deswegen versuchte Martin sich – im Folgenden dokumentiert – mal ein paar Szenarien auszudenken, wie er demnächst reagieren könnte, wenn er dann gefragt werde, „Darf ich aufrunden?“:

Erstens per Gegenfrage: „Darf ich Sie darum bitten, ihrem Vorgesetzten mitzuteilen, dass ich seine Filiale nicht mehr als Kunde aufsuchen werde, da er sich an öffentlichkeitswirksamen Werbeaktionen beteiligt, in denen Menschen genötigt werden?“

Zweitens gar nicht reagieren und schauen, was passiert. Die Aktion funktioniert ja nur deshalb, weil die Reaktionen der Menschen so vorhersehbar ist. Es wird kalkuliert, dass 96 Prozent der Leute diese Aktion unreflektiert super finden. Die restlichen vier Prozent müssen mit der Schmach der Ausgrenzung selbst zurecht kommen. Und sollte mal einer richtig böse werden, ist das auch nicht so schlimm. Gegen Anarchie, Aufstand und Vandalismus sind die Herren gut versichert. Nicht kalkuliert sind Reaktionen, die diese Nötigung untergraben. Die Aufrundungsfrage hält in dem Moment den Betrieb auf und führt den Verursachern betriebswirtschaftlichen Schaden zu, in dem der Kunde sich nicht bekennt. Niemand rechnet damit, dass jemand Zeit investiert, um sich nicht zu bekennen. Im Kunstbetrieb nennt man die von mir hier angedeutete Verfahrensweise eine Strategie der Kommunikationsguerilla.

Drittens: „Darf ich mal an ihre Brüste fassen?“

Viertens: „Wenn ich danach in den Eingangsbereich urinieren darf.“

Fünftens: „Wollen Sie denn aufrunden?“

Aktion

Aktion (Photo credit: l-i-n-k)

Sechstens: „Ist es Ihnen nicht unangenehm, dass sie von Ihrem Arbeitgeber gezwungen werden, wie eine Prostituierte, jeden Menschen mit persönlichen Fragen zu belästigen?“

Siebtens könnte man vielleicht auch ganz bestimmt seine Meinung äußern, sich also doch bekennen, aber nicht zu der gestellten Frage, sondern zur Meta-Frage: „Liebes Fräulein, wenn ich an Ihrer Stelle säße, würde ich nicht jeden Kunden dazu nötigen, sich öffentlich zu bekennen, sondern darauf setzen, dass die Werbeaktion durch ständige Penetration durch die öffentlichen Medien, so bekannt ist, dass entsprechende Bürger, die sich als Gutmensch in der Öffentlichkeit darstellen wollen, diesem Trieb von sich aus nachgehen können. Und ich würde mich nicht hinter der Rechtfertigung verstecken, von meinem Arbeitgeber aufgefordert worden zu sein, diese Frage jedem Kunden zu stellen.“

Achtens: „Heute gerne mal abrunden.“

Soweit Martin S.

Aktion

Aktion (Photo credit: l-i-n-k)

Als ich Stunden später immer noch in mein Glück, so einen Freund zu haben, versunken dasaß, dem Widerhall seiner Worte lauschend, sinnierend, überlegend, welchen Nutzen ich jetzt daraus ziehen könnte, für mich und die meinen, da trat er ein zweites Mal auf die Lichtung und gab mir, aus gegebenem Anlass, wie er lächelnd bemerkte, das folgende Zitat, welches ich ihm einst geschickt hatte, zurück: „Es gilt, den interkulturellen Werte-Relativismus zu akzeptieren und zu tolerieren, ihn aber keinesfalls persönlich zu leben. Ersteres ist Voraussetzung für ein friedliches Weltbürgertum, letzteres Bedingung dafür, moralisch nicht zu verludern.“ (Roland Baader)

Es sind zwei Worte, die Großes bewirken sollen: „Aufrunden bitte!“ Unter diesem Motto startet heute eine umfangreiche Kampagne für die Stiftung Deutschland rundet auf. Der Auftritt, kreiert von der Berliner Kreativagentur Dorland, hat vor allem ein Ziel: Die soziale Initiative bekannt zu machen. Die Kampagne umfasst insgesamt sechs TV- und vier Hörfunkspots in verschiedenen Längen sowie sechs unterschiedliche Plakat- und Anzeigenmotive.

Robbie Williams singing in concert

Robbie Williams singing in concert (Photo credit: Wikipedia)

Bei der Kreation habe man Wert auf Authentizität gelegt, so die Agentur um Kreativchef Hendrick Melle. Aus diesem Grund hatten Kunde und Dorland ein Live-Casting in Berlin veranstaltet, dessen O-Töne und Bilder von den teilnehmenden Männern, Frauen und Kindern anschließend für die Kampagne genutzt wurden. Die Produktion der Commercials, die OMD zur Primetime unter anderem auf RTL, Pro Sieben, Sat 1, N24, Vox und Kabel Eins schaltet, übernahm Slaughterhouse in Hamburg. Regie führte Stephan Hadjan.

Die Motive sind in großen Tageszeitungen und Publikumszeitschriften zu sehen
Die Motive, geschossen von Heiko Richard, sind in reichweitenstarken Tageszeitungen, Publikumszeitschriften sowie Out-of-Home-Medien zu sehen. Auch Online und am PoS ist die Aktion präsent. Alle Medienpartner wie Ströer, Gruner + Jahr, WAZ und P7S1 arbeiten pro bono.

Vater und Sohn

Vater und Sohn (Photo credit: rrho)

Die Aktion „Aufrunden bitte“ der 2009 gegründeten Initiative funktioniert so: Ab dem 1. März kann jeder Kunde, der bei einem der zahlreichen Handelspartner wie beispielsweise Netto, Penny, Douglas und Görtz einkauft, den Betrag auf die nächsten 10-Cent aufrunden. Dieser Aufrundungsbetrag fließt zu 100 Prozent in soziale Projekte der Stiftung. Alle weiteren Informationen gibt es unter deutschland-rundet-auf.de.

Kunden sollen für guten Zweck aufrunden
Bei 15 Handelsunternehmen können Kunden ab heute ihren Zahlbetrag aufrunden und die Differenz spenden. An der Aktion „Deutschland rundet auf“ beteiligen sich unter anderen Douglas und Penny.
Lebensmittel-, Schuh-, Textil- und Parfümeriehändler unterstützen die Aktion.+ Auch bei Bonprix, Depot, SportScheck, Dodenhof, Görtz, Kaufland, Kik, Netto Marken-Discount, Reno, SinnLeffers, Toom-Baumarkt, Witt Weiden und WMF können Kunden seit dem 1. März ihren Rechnungsbetrag an der Kasse künftig auf den nächsten 10-Cent-Betrag, also beispielsweise von 2,66 auf 2,70 Euro aufrunden.

Die gespendeten Cents werden an soziale Projekte zur Zukunftssicherung von Kindern und Jugendlichen weitergeleitet.

Internetseite informiert über Spendenstand

Das erste Spendenprojekt, das von der Aktion „Deutschland rundet auf“ gefördert wird, ist die Eltern AG, bei der Eltern in schwierigen Lebenslagen Unterstützung in Erziehungsfragen finden.

In den Handelsfilialen wird die Spendenkampagne durch blaue Sprechblasen mit dem Aufdruck „Aufrunden bitte!“ an Eingangstüren und Kassen kenntlich gemacht. Auf der Internetseite der Aktion können interessierte Verbraucher den aktuellen Spendenstand einsehen und sich näher über die geförderten Projekte informieren.

Eine rege Beteiligung an der Aufrundungsaktion dürfte die beteiligten Händler auch angesichts der hohen Kosten für das Bargeldhandling freuen.

Am Mittwoch hatte dm-Drogeriemarkt mit einer PR-Aktion 1,74 Millionen Euro gesammelt, die Hilfseinrichtungen zugute kommen. Dafür sorgten Prominente und Kunden, die in ganz Deutschland für jeweils eine halbe Stunde als dm-Kassenmitarbeiter aushalfen.

Mit reichsdeutschem Gruß

Ihr Richard Wilhelm von Neutitschein

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